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Thema:Tschernobyl | Reaktorunfall | Supergau


26. April 1986 – Kernkraftwerk Tschernobyl, nahe der Stadt Prypjat, Ukraine (damals Sowjetunion)

Der Reaktor

Warum kam es überhaupt zu dem Unglück? Zum größten Teil wird es der Schwäche des Reaktors zugeschrieben. Dieser war in kleinen Leistungsbereichen sehr unsicher. Jedoch sind die technischen Details bist heute noch nicht ganz geklärt. In Tschernobyl wurde damals der Reaktortyp RBMK 100 gebaut, ein Hochleistungsreaktor mit Kanälen. Die Zahl 100 steht dabei für die maximal mögliche Leistung in Megawatt. Im Gegensatz zu den meisten westlichen Bauarten, hatte diese sowjetische Bauart nicht das Kühlwasser automatisch auch als Moderator, sondern Graphit. In der Nacht vom 25. April auf den 26. April sollte ein Experiment, dass kurz zuvor in Block 3 gescheitert war, in Block 4 wiederholt werden. Dabei sollte geprüft werden, ob die Zeit in der die Turbinen auslaufen und der Dieselgenerator anläuft, überbrückt werden kann. Dies war notwendig um jederzeit genügend Strom für das sichere Abschalten des Reaktors zu haben. Allerdings gab es schon bei der ersten Reduzierung der Leistung Schwierigkeiten. Durch einen technischen Effekt oder die falschen Einstellungen, die durch die Besatzung gemacht wurde, sank die Leistung rapide ab. Dabei entstand im Reaktor eine Xenon Vergiftung. (Xenonvergiftung: eine zu hohe Xenon-Konzentration, die nach dem Abschalten des Reaktors entsteht; Xenon ist Neutronengift und ist deshalb für die Abschaltung eines Reaktors notwendig um die Kernspaltung zu stoppen). Nun versuchte die Mannschaft durch weiteres ausfahren von Regelstäben die Leistung wieder zu heben. Schaffte es allerdings nicht über 7% der Gesamtleistung. Unter 20% dürfte der Reaktor eigentlich nicht laufen. Trotzdem wurde der Reaktor nicht abgeschaltet sondern zum Testlauf des Experiments freigegeben. Dieses bewirkte dass dem Generator seine Energie genommen wurde, dadurch stieg die Temperatur des Reaktors an und Kühlwasser verdampfte. Nun wurde die Bauart zum Verhängnis. Mit zunehmendem verdampfen des Kühlwasser erhöhte sich die Leistung des Reaktors. Ein Neutronenfluss im Reaktor verstärkte den Abbau der Neutronengifte und förderte damit wiederum das verdampfen des Kühlwassers. Vor der Notabstellung des Reaktors wurden sämtliche Regelstäbe, also über 250, wieder eingeführt. Da diese zuvor vollständig herausgezogen worden sind, erhöhten sie zunächst noch einmal beim wiedereinführen die Leistung, bis der Stab tiefer in den Kern gedrungen war. Dies führte dazu, dass die Leistung nun innerhalb von Millisekunden ums 100-fache anstieg und damit den Nennwert überschritt. Die Hitze wurde so groß, dass die Stäbe verformt wurden und ihren Zweck im Kern nicht mehr erfüllen konnten. Dazu kam noch, dass die Druckröhren rissen und das Wasser mit dem Zirkonium der Regelstäbe reagierte. Dadurch entstand Wasserstoff und bildete mit dem Sauerstoff in der Luft ein Knallgas, welches sich entzündete und explodierte. Die 1000Tonnen schwere Decke des Reaktors wurde gesprengt und ebenfalls das Dach des Gebäudes, somit hatte der Reaktor direkte Verbindung zur Atmosphäre und große Mengen an radioaktiver Materie wurde in die Umwelt freigesetzt. Der glühende Graphit im Reaktorkern fing Feuer und es Verbrannten innerhalb der nächsten 10 Tage 250 Tonnen Graphit. Nach dem Unfall wurden Block 1,2 und 3 abgeschaltet. Es wurde begonnen den Reaktor mit Blei, Bor, Dolomit und Sand zuzuschütten um die weitere Freisetzung der Spaltung zu verhindern.

Folgen der Katastrophe

Alle 50.000 Einwohner der nahe gelegenen Stadt Pripjat wurden evakuiert. Danach wurden weitere 67.000 aus der 30-Kilometer Zone um den Reaktor in andere Gegenden umgesiedelt. Aufgrund weiterer gefundenen verstrahlten Flächen außerhalb der 30-Km Zone wurden letztendlich ca. 200.000 Menschen ihrer Heimat beraubt. Insgesamt wurden über 100 radioaktive Elemente in die Atmosphäre freigegeben. Viele davon zerfielen innerhalb weniger Stunden bzw. Tage. Die gefährlichsten Elemente die frei wurden sind Jod, Strontium und Cäsium. Davon sind Strontium und Cäsium auch heute noch nachweisbar. Jod war zwar kurzlebiger als diese beiden, verursachte jedoch in den reaktornahen Gebieten die verherendsten Gesundheitsschäden, da es in ungeheuren Mengen freigesetzt wurde und die Menschen ihm anfangs komplett ungeschützt ausgeliefert waren. Jod löste vor allem bei Kindern, Schilddrüsenkrebs aus. Strontium kann zu Leukämie (Blutkrebs) und Knochenkrebs führen und Cäsium bestrahlt den kompletten Körper und kann unter anderem Magen-, Leber- und Milzkrebs verursachen.

Verseuchte Flächen

In Weissrussland, Russland und der Ukraine sind ca. 150.000 Quadratkilometer verseucht. Die 30-Kilometer Zone um den Reaktor ist mit Ausnahme weniger Rückkehrer heute unbewohnt. Desweiteren wurden Regionen in Lappland, Finnland, Rumänien, Bulgarien, Polen, Bayern, Westengland und Südtürkei verseucht.

Die Dekontaminierung

(Dekontaminierung: Entfernen von gefährlichen Verunreinigungen) Rund 800.000 bis 1 Mio Liquidatoren übernahmen diese Aufgabe. Außerdem nahmen sie an Errichtungsarbeiten teil, zum Beispiel von neuen Wohnsiedlungen für Evakuierte. Desweiteren erbauten sie noch Deponien für Atommüll, Dämme sowie Wasser-Filtrationssysteme und nicht zuletzt auch den Sarkophag, der seit November 1986 die Strahlung abschirmt.

Natur und Tiere

Nach dem Unfall traten in der 30-Kilometer-Zone und in weiter entfernen Gebieten Mutationen der Tier- und Pflanzenwelt auf. Blätter veränderten ihre Form, Eichenblätter verloren ihre Symmetrie, jungen Tannen wuchsen mehrere Kronen und sogar ganze Wälder in der Nähe des Kernkraftwerks gingen aufgrund der massiven Strahleneinwirkung ein. Bei den Tieren kam es zu immer mehr Fehlgeburten und Missbildungen. Es wurden Kreaturen mit sechs Beinen, ohne Augen und ähnlichen Mutationen gemeldet.

Wohnen in Tschernobyl heute?

Innerhalb der 30-Kilometer-Zone befinden sich im Moment rund 200 kleine Gemeinschaften, in die überwiegend alte Menschen zurückgekehrt sind. Das Leben in der Zone ist gesetzlich eigentlich verboten, jedoch werden die Rückkehrer stillschweigend toleriert. Kindern dürfen dort jedoch nicht leben. Die meisten Evakuierten leben entweder in einem Vorort von Kiew, welcher nach der Evakuierung errichtet wurde, sowie in Slawutitsch, die ebenso kurzfristig erbaut wurde und sich 60 Kilometer vom Reaktor entfernt befindet. In ihr wohnen vor allem Menschen mit ihren Familien, die bis zur endgültigen Stilllegung der Anlage im Dezember 2000 noch im Kernkraftwerk Tschernobyl gearbeitet haben.

Was passiert nun mit dem Atomkraftwerk?

Geschlossen wurde das Werk am 15. Dezember 2000 und damit begannen auch die Abbauarbeiten. Treibstoff und Abfall müssen entsorgt werden, außerdem wird das Kraftwerksgelände und seine Umgebung, insbesondere was Grundwasser und Erdreich betrifft, endgültig dekontaminiert. Auch steht die Demontage der drei stillgelegten, aber noch intakten Reaktoren der Blöcke 1-3 an und wird wohl mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Der Sarkophag

1986 wurde die Errichtung des Sarkophags abgeschlossen. Eine massive Beton-Stahl-Konstruktion, die in aller Eile errichtet wurde und über die Jahre instabil geworden ist. Sie stellt heute eine riskante Situation dar. Einiges wurde schon repariert, unter anderem die Stabilisierung des Ventilationssystems, das Verschließen von Löchern und eine Verstärkung der Dachkonstruktion. Nebenbei wurde dennoch ein Plan ausgetüftelt, mit dem eine zweite, stabile Sarkophagkonstruktion über die bereits bestehende gezogen werden soll. Neben der Reaktorruine soll eine bogenförmige Stahlkonstruktion entstehen, doppelt so groß wie der Kölner Dom. Das ganze soll dann auf Schienen über den alten Sarkophag geschoben und an den Seiten verschlossen werden. Die Arbeiten haben bereits begonnen und das ganze soll 2010 fertig sein.